Für Nils Westergard ist das Schaffen von Kunst keine bewusste Entscheidung mehr – es ist einfach die Art und Weise, wie sein Leben gestaltet ist. Da er schon seit seiner Kindheit kreativ tätig ist, wurde die Kunst schon früh zu einer ständigen Begleiterscheinung, die seine Denkweise geprägt hat. Heute funktioniert das fast instinktiv. Wie beim Lösen eines Kreuzworträtsels denkt er nicht zu viel darüber nach; jeder Tag beginnt damit, dass er sich etwas aus einer ständig wachsenden Projektliste aussucht und sich an die Arbeit macht. Seine Neugierde zieht ihn immer wieder in neue Interessenbereiche, die unweigerlich wieder auf seine künstlerische Praxis zurückführen und diese Liste noch weiter ausbauen.

Die Stadt als lebendiges System
Westergards Werk ist eng mit dem Ort verbunden. Wie er selbst sagt: Kunst wird von Menschen geschaffen, und Menschen werden von ihrer Umgebung geprägt. Eines der deutlichsten Beispiele für diese Beziehung ist seine Fahrradserie, die kurz nach seinem Umzug nach Amsterdam entstand. Da er sich wirklich mit der Stadt verbinden wollte, anstatt in eine Routine aus Atelier und Zuhause zu verfallen, begann er, überall eine Kamera mitzunehmen und jeden vorbeifahrenden Radfahrer zu beobachten. Diese einfache Geste der Aufmerksamkeit wurde zu einer Möglichkeit, sich in den Rhythmus der Stadt einzubetten. Dadurch verband er sich nicht nur mit Amsterdam selbst, sondern auch mit Menschen, die später in anderen Projekten eine wichtige Rolle spielen sollten.
Richmond bleibt jedoch der Ort, der sein Leben am stärksten geprägt hat. Es ist nicht immer klar, wo die Stadt endet und wo er beginnt – beides verschmilzt miteinander –, doch ihre Präsenz beeinflusst stets seine Entscheidungen, seine Sichtweisen und seine Bildsprache.
Von Grau zu Farbe
Lange Zeit arbeitete Westergard fast ausschließlich mit Grautönen. Diese Entscheidung hatte zum Teil praktische Gründe: Schwarz- und Weißfarbe waren erschwinglich, leicht zu transportieren und unendlich vielseitig einsetzbar. Mit nur zwei Flaschen im Rucksack konnte er überall ein Werk schaffen. Im Laufe der Zeit wuchsen die Budgets und änderten sich die Umstände, sodass Farbe freier in die Arbeit einfließen konnte. Der Prozess wurde chaotischer, aber auch reichhaltiger. Das Leben existiert schließlich in Farbe – und diese Komplexität anzunehmen, wurde zu einer Herausforderung, die es wert war, verfolgt zu werden.

Die unsichtbare Arbeit
Wie bei vielen Künstlern ist es nicht das Schaffen selbst, das ihn am meisten erschöpft, sondern alles, was damit einhergeht. Verwaltungsarbeit, Steuern, E-Mails – das ständige Hintergrundrauschen des Berufsalltags. Er räumt ein, dass sich darin vielleicht eine Form von Kreativität verbirgt, aber es ist nicht die Art von Kreativität, die ihn beflügelt.
Das Kino als visuelle Grundlage
Das Kino spielt eine zentrale Rolle in Westergards Verständnis von Bildgestaltung. Da er Film studiert hat, stammt ein Großteil seines visuellen Vokabulars aus diesem Bereich. Er geht oft ins Kino, und seine älteren Skizzenbücher sind eher mit ausgedruckten Filmstills als mit traditionellen Zeichnungen gefüllt. Wenn er jedoch auf ein außergewöhnliches Gemälde oder eine Skulptur stößt, kann die Wirkung sogar noch stärker sein.
Andere Kunstformen wie Tanz oder Mode sprechen ihn nicht in gleicher Weise an – obwohl er sie respektiert. Gerade diese Distanz machte die Arbeit an einem Stück über die deutsche Choreografin Pina Bausch besonders interessant, da sie ihn dazu zwang, seinen Respekt in echte Wertschätzung umzuwandeln – eine Übung, die er sehr schätzt.
Kunst jenseits des Bildschirms
Auf die Frage, was sich seiner Meinung nach an der Art und Weise ändern sollte, wie wir Kunst heute erleben, fällt seine Antwort klar aus: weniger Handys, weniger Bildschirme und mehr physische Präsenz. Kunst ist greifbar, menschlich und real. Wenn wir unsere Begegnungen allein auf digitale Darstellungen beschränken, warnt er, laufen wir Gefahr, sie vollständig der künstlichen Intelligenz zu überlassen.

Raum für Interpretationen lassen
Westergard weigert sich, vorzugeben, was die Betrachter empfinden sollen, wenn sie vor seinem Werk stehen. Jedes einzelne Werk hat seine eigenen Beweggründe und Absichten, sodass eine allgemeingültige Antwort unmöglich ist. Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, dann ist es einfach die, dass die Menschen das Werk wirklich sehen.
Einflüsse und Klang
Zu den Künstlern, die sein Denken geprägt haben, zählen Beth Cavener Stichter, Michel Gondry, ARYZ, Aesop Rock und Banksy – eine oft kritisierte Persönlichkeit, die in Westergards Augen jedoch unbestreitbar wirkungsvoll ist. „Mit so wenig so viel zu erreichen, verdient Respekt“, bemerkt er.
Musik begleitet seinen Schaffensprozess, wenn auch nicht auf eine bestimmte oder sentimentale Weise. Wenn er sich entscheiden müsste, würde alles von Aesop Rock passen.

Ausblick
Wenn es um vielversprechende Nachwuchstalente geht, verweist Westergard auf seine Kollegen von MSC sowie auf Künstler aus seiner Heimatstadt: Emily Herr, Ian Hess, Eli McMullen und Matthew Rea – Schöpfer, deren Arbeit von Heimatverbundenheit, dem kreativen Prozess und Beharrlichkeit geprägt ist.
In Westergards Welt ist Kunst kein Moment der Inspiration. Sie ist ein täglicher Akt der Beobachtung, der Verbindung und des Engagements – eine Art, sich durch Städte, durch die Zeit und durch das Leben selbst zu bewegen.
Sie können ihm auf Instagram folgen, um mehr von seinen Arbeiten zu entdecken, oder direkt seine Website besuchen.
